Der Begriff der pädagogischen Wirkungsmacht hat bei uns während unseres ersten Treffens in Göttingen viel Resonanz erzeugt. Getragen war das von der geteilten Überzeugung, gemeinsam in Verantwortung für eine l(i)ebenswerte Welt zu sein. Wirkungsmächtiger zu werden bedeutet für uns in diesem Sinne – und sicherlich nicht abschließend – eine menschenfreundliche, potenzialorientierte und ökologisch verantwortliche Bildung voranzubringen und Lernende zur Gestaltung guter Zukünfte zu ermächtigen.
Diese für uns intuitive Stimmigkeit und Resonanz wollen wir nun in ein ansprechendes, verständliches und klares Narrativ übersetzen. Dazu erscheint es uns in einem ersten Schritt hilfreich, die je eigene Perspektive auf pädagogische Wirkungsmacht zu reflektieren und zu teilen.
Wir laden dich deshalb zu einer Selbstreflexionsübung ein, an dessen Ende eine Definition von pädagogischer Wirkungsmacht stehen wird, die wir dann untereinander teilen und darüber auch gemeinsam wirkungsmächtiger werden können.
Teil 1: Positive Erlebnisse, deine Utopie und erste Schritte
Für diesen Teil solltest du ungefähr 45 Minuten Zeit einplanen.
Online-Beschreibung der Übung
Schritt 1:
Positive Erinnerungen wecken und vertiefen
Vielleicht möchtest du für einen Moment deine Augen schließen. Atme dabei gern einige Male tief ein und aus. Schau dann, ob du dich an einen ganz konkreten Moment erinnern kannst, in dem du dachtest: „Genau dafür mache ich das!“ Es muss nichts Großes sein, vielleicht auch eine Begegnung, die aber in dir das Gefühl ausgelöst hat, dass dein pädagogisches Handeln hilfreich und wirksam ist.
Notiere in Stichworten: Wann/Wo war das? Wer war beteiligt? Was genau ist passiert?
Tauche gern nochmal ganz in diesen Moment ein. Notiere, was du erlebt hast.
- Was hast du GESEHEN? (Gesichter, Körperhaltung, Blicke…)
- Was hast du GEHÖRT? (Worte, Tonfall, Stille, Lachen…)
- Was hast du GEFÜHLT? (im Körper, emotional)
- Was hast du GETAN? (konkrete Handlung)
Spüre intensiv in deinen Körper hinein, während du an diesen Moment denkst: Was geschieht in deinem Körper? Wie fühlt sich dieser Moment in deinem Körper an? Verändert sich etwas? Haltung – Spannung – Sonstiges? Welche Empfindungen spürst du (wo)?
Schritt 2: Meine Utopie – Wo möchte ich hin?
Jetzt geht es um deine beste Hoffnung für unsere gemeinsame Welt. Stelle dir die Welt vor, in der du leben möchtest. Halte dann Stichpunkte zu den folgenden Fragen fest:
- Was ist für dich eine l(i)ebenswerte Welt?
- Welche Bildung braucht es für diese imaginierte Gesellschaft?
- Was ist deine pädagogische Praxis in dieser Utopie? (Notiere gern konkrete Situationen)
- Wo bist du / wie sieht es um dich herum aus?
- Was machst du anders als jetzt?
- Was tun die Lernenden?
Schritt 3: Einladung zur ehrlichen Selbstreflexion
Die Welt und die Bildungswirklichkeit, in der wir leben, prägt uns in unserem Denken und Handeln. Du bist nun eingeladen, zu überprüfen, welche deiner Routinen im Denken und Handeln nicht mehr in die von dir gewünschte Wirklichkeit passen oder sie sogar verhindern. Erlaube dir einen ehrlichen und kritischen Blick auf dein JETZT der pädagogischen Arbeit und notiere deine Erkenntnisse zu den folgenden Fragen.
- Was stört dich derzeit am meisten in deinem pädagogischen Wirkungsfeld?
- Welche deiner Handlungen verstärken diese ungewünschte Wirklichkeit?
- Welche Gedanken über dich, über die Lernenden, über die Kolleg:innen oder andere Beteiligte in deinem Umfeld tragen vielleicht dazu bei, dass du das bestehende System stabilisierst?
Schritt 4: Mein aktueller Beitrag zur erwünschten Zukunft
Schau auf deine Notizen zu Utopie. Vieles in deinem Alltag wird bewusst oder unbewusst von diesem Wunsch geleitet sein. Schau nun genau hin, wie du dich und die Lernenden schon der von dir gewünschten Zukunft näher bringst. Notiere dir Stichpunkte zu den folgenden Fragen:
- Was denke ich bereits (über mich, die Lernenden, mein Umfeld), das in Richtung meiner Utopie geht?
- Welche meiner (täglichen) Aktivitäten oder Handlungen sind schon Vorzeichen der von mir gewünschten (Bildungs-) Welt?
- Woran erkenne ich, dass es heilsam wirkt? Was sind die Wirkungen bei meinen Lernenden, den Kolleg:innen, in meinem Kontext?
Schritt 5: In Richtung Utopie gehen
Wir alle ermöglichen oder verhindern täglich die Verwirklichung der gewünschten Zukunft. Du bist nun eingeladen, dich abschließend mit der dich unterstützenden (Körper)-Haltung zu verbinden. Nimm dir dazu einen Moment und stell dich hin. Imaginiere den bestmöglichen Kontext, den du dir für dich und deine Lernenden und Mitverantwortlichen wünschst. Welche innere Haltung hast du? Spüre, was genau in dir ist und wirkt.
Wie zeigt sich diese innere Haltung im Außen?
- Erprobe und finde die Haltung und die Verkörperung, die deine innere Haltung am besten ausdrückt (Aufrichtung, Blick, Gestik, Mimik, … )
- Versuche, ganz bewusst in die Verkörperung deines inneren Gefühls zu gehen. Mach es groß und spürbar für dich.
- Erprobe dann auch gern ein paar Schritte im Raum, Bewegungen, vielleicht kommen dir auch Gedanken oder Sätze in den Sinn – sprich sie aus und höre dir selbst zu.
Schließe gern am Ende nochmal für einen Moment die Augen, atme tief ein und aus und nimm diese innere und äußere Haltung so in dich auf, dass du sie morgen im Alltag abrufen kannst.
Du bist nun eingeladen, deine konkreten Vorhaben für die kommenden Wochen zu notieren.
Schau dazu abschließend noch einmal auf deine kleine Reise und alle Notizen. Entscheide dich jetzt für einige ganz konkrete Dinge, die du in den kommenden Wochen umsetzen möchtest.
Notiere 3-5 konkrete Momente oder Handlungen:
Abschluss: Unterstützung, Rückschau und Feiern
Notiere dir in deinem Kalender jede Woche eine Erinnerung, in der deine Vorhaben stehen.
Setze dir auch einen Termin, an dem du Rückschau halten willst, was du umsetzen konntest,
und feiere mit einem Kaffee, Tee, Kuchen – allein oder mit anderen -, was gelungen ist!
Begleitender Impuls
Als kleinen Denkimpuls begleitend zur Übung kannst du dir diesen Podcast zum Thema Growth Mindset anhören, der im letzten Jahr im Adventskalender der Hessischen Lehrkräfteakademie erschienen ist.
Teil 2: Reflexion und Formulierung deiner Definition
In Teil 2 formulierst du deine Definition zu Wirkungsmacht. Du brauchst dafür etwa 30 Minuten Zeit.
Online-Beschreibung der Übung
Schritt 1: Ankommen und Verankern
Vielleicht möchtest du für einen Moment deine Augen schließen. Atme dabei gern einige Male tief ein und aus. Öffne dich dann für alle Gefühle und Gedanken, die in dir aufkommen, wenn du an deine pädagogische Wirkungsmacht denkst. Vielleicht magst du auch rekapitulieren, was du in den letzten Wochen dazu im Austausch mit anderen reflektiert oder ausprobiert hast.
Nimm dir dann einen Stift zur Hand, stelle einen Timer auf 5 Minuten und schreibe alles auf, was dir in den Sinn kommt. Versuche möglichst, deinen Schreibfluss nicht zu unterbrechen. Lass zu, dass Gedanken im Schreiben entstehen.
Schritt 2: Wirkelemente identifizieren
Lies dir durch, was du geschrieben hast und nimm dir vielleicht auch deine Notizen von der letzten Übung zur Hand. Falls du Aktivitäten für mehr Wirkungsmacht ausprobiert hast, dann erinnere dich an sie zurück.
Überlege dann: Welche Elemente waren für deine Wirkungsmacht vor allem ausschlaggebend? Zum Beispiel kann das deine Präsenz gewesen sein, die Beziehung zu anderen, Offenheit für Neues, ein entstandener Raum oder auch etwas ganz anderes.
Schreibe alle Wirkelemente, die du für dich wichtig findest, als Liste auf:
Wenn dir keine weiteren Wirkelemente mehr einfallen, dann schaue dir deine Liste oben noch einmal an und versuche die drei Wirkelemente zu identifizieren, die du am wichtigsten findest. Markiere sie in der Liste.
Schritt 3: Essenz verdichten
Für mich bedeutet pädagogische Wirkungsmacht…
…dass ich …(Was kannst du tun/sein?)
…wenn ich … (in welcher Situation / unter welchen Bedingungen?)
…sodass (Was geschieht dadurch?)
Du kannst mehrere solcher Sätze für unterschiedliche Aktivitäten und Situationen notieren.
Schritt 4: Manifestieren
Lies dir deine Sätze noch einmal durch und lasse sie auf dich wirken. Versuche dann, möglichst prägnant in 1-2 Sätzen, die Essenz daraus zu formulieren:
Pädagogische Wirkungsmacht ist für mich…
Male oder beschreibe ein Symbol/Bild dafür:
Deine Praxis-Brücke
„Ich erlebe diese Wirkungsmacht konkret, wenn ich…“
Notiere 3 konkrete, wiederholbare Situationen:
Atme noch einmal tief durch. Spüre nach: Was nimmst du mit?
Schritt 5: Resonanz und Teilen
Begib dich mit deiner gefundenen Definition in Resonanz mit anderen. Wähle dazu mindestens eine konkrete Handlung für diese Woche aus und/ oder notiere eine andere Idee:
- Ich teile meine Definition auf der Website wirksamen.org
- Ich verabrede mich mit einer Kollegin oder einem Kollegen, um meine Definition zu teilen
- Ich beobachte bewusst Momente meiner Wirkungsmacht
- Ich schaffe einen Moment, in dem ich meine Wirkungsmacht erlebe
- Ich hänge mein Symbol/meine Definition sichtbar auf
- Ich lade andere ein, ihre Definition zu entwickeln
Weitere Ideen:
Begleitender Impuls
In Wirkungsmacht steckt das Wort ‚Macht‘, was für viele vielleicht auch negativ besetzt ist. Als Denkimpuls hilft dir dazu vielleicht dieses Gespräch zwischen Maja Göpel und Gesine Schwan zum Thema Macht in der Reihe Neu Denken.
Deine gefundene Definition aus der Reflexionsübung kannst du als Kommentar zu diesem Beitrag teilen.

Schreibe einen Kommentar