Session-Dokumentation: Was macht meine Schule, damit sich Schüler*innen wirksam fühlen? Was fehlt uns? Wie kann das Gute an Mensch und System kommen?

In dieser Session von Anne (Ann-Christin Piel) hat sie von ihren Erfahrungen mit transformativer Schulentwicklung berichtet. Gemeinsam haben wir reflektiert, wie diese Erfahrungen für mehr Wirkungsmacht genutzt werden können.

Zunächst erklärte Anne, welche Bedürfnisse der Lernenden an Schulen ihrer Meinung nach stärker in den Fokus rücken müssen, damit Schüler:innen überhaupt mehr Selbstwirksamkeit spüren können.

Es braucht u. a. mehr …

  • Gemeinsames Lernen & (Binnen-)Differenzierung (d.h. z.B. alle können am selben Material/ Thema arbeiten, aber können dabei eigene Wege gehen. Alle können also zusammen lernen.)
  • Möglichkeiten für selbstbestimmteres Lernen
  • lernförderliche Formen der Leistungserfassung, -bewertung und -rückmeldung
  • Zeit für intensive und tragfähige Beziehungen
  • Lebensweltnahe Erlebnisse und Inhalte
  • Echtes Demokratieerleben
  • Momente für Bewegung und Naturerlebnisse

Dann erläuterte Anne, inwiefern ihre Kolleg:innen und sie am Schulzentrum am Stern in Potsdam, einer staatlichen reformpädagogische Gesamtschule im Aufbau von Hort bis Abitur, genau daran arbeiten. Dabei machte sie auch immer wieder deutlich, was nötig ist, damit das in Zukunft noch besser gelingt. Anne berichtete dabei insbesondere aus ihrer Perspektive aus der Mittelstufe.

Am Schulzentrum am Stern arbeitet Anne …

  • mit sogenannten Lernbüros und hochwertigen selbstkonzipierten Lernbausteinen. In offenen Lernsettings, wie unserem Lernbüro, können Schüler:innen in Begleitung freier lernen. Lernende unterschiedlicher Jahrgangsstufen (bei uns: Jhg. 7-9) können während einer täglich stattfindenden Zeitperiode aus einem Angebot an Fächern (bei uns: Deu, Math, Eng, NaWi und Praxis) und den dazugehörigen Themen frei wählen. Lernbegleiter:innen stehen ihnen dabei als Expert:innen beratend zur Seite und sorgen u. a. mit rituellen Abläufen und Strukturhilfen für eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre. Lernbausteine ermöglichen selbstbestimmteres Arbeiten (auch gern außerhalb des Lernbüroraums) und Feedback, individuellere Lernwege, Lernen im eigenen Tempo und verschiedenen Sozialformen. Wir bauen die Bausteine so, dass nicht nur klassische Tests, sondern vor allem lernförderliche Formen der Leistungserfassung (wie z.B. Rollenspiele, Interviews, Zeichnungen, Spieldesigns, Pecha Kuchas, Wandzeitungen, Lerntagebücher und andere Lernprodukte) mitgedacht werden. Bezüglich Leistungsbewertung und -rückmeldung setzen wir auf transparente Kriterienraster, gute Schüler:innenbeispiele und persönliche Auswertungsgespräche – für die in so einem Setting tatsächlich die Zeit ist 😉. Zusätzlich gibt es aktuell in den Fächern Deutsch, Englisch und NaWi auch noch lerngruppeninternen Unterricht. Anne betonte aus ihrer Perspektive als Schulentwicklungsbegleiterin, dass es wirklich viele verschiedene Arten gibt, wie Schulen offene Lernsettings umsetzen.
  • mit wöchentlichen Lernberatungen (90 Min. montagmorgens) in Doppelsteckung mit der Co-Lerngruppenleitung. Dabei ist Zeit, mit den Lernenden über ihre Arbeit im Lernbüro, ihr Wohlbefinden, anstehende Aufgaben oder z.B. Termine zu sprechen. Wir nutzen diese Zeit auch, um z.B. gemeinsam mit den Schüler:innen den nächsten Ausflug oder die nächste Lerngruppenfahrt zu planen – und gemeinsam meinen wir dabei wirklich ernst. Oft geben wir die Planung sogar als ganz an die Gruppe ab. Das ist immer sehr aufregend. Ein weiterer Aspekt, der Mitentscheiden und demokratische Strukturen benötigt und ermöglicht, ist der Klassenrat, der in regelmäßigem Turnus in die Lernberatungszeit integriert wird.
  • mit einer Organisationsstruktur wie Hogwarts. Das heißt, wir haben sozusagen kleine Schulen in einer großen Schule. In einem sogenannten „Dorf“ sind sechs unserer JÜL-Lerngruppen verortet (1x 1/2/3, 1x 4/5/6, 2x 7/8, 1x 9, 1x 10), sie teilen sich auch einen besonderen Bereich im Schulgebäude (wie der Gryffindor-Turm also 🧙♀️). Sie haben u.a. gemeinsamen Unterricht, Dorf-Events (z.B. Lerngruppenfahrten, Workshops, Projektwochen, Feste …) und einen kleinen Kreis an Lernbegleiter:innen (ca. 10-12 Personen), die (bis auf wenige Ausnahmen) mit ihrem ganzen Deputat ausschließlich in diesem Dorf aktiv sind. Sie haben auch ein gemeinsames Lehrkraftzimmer und teilen sich die intensive Verantwortung für ca. 130-150 Kinder und Jugendliche. Das hilft auch total bei Vertretungen.
  • auf Grundlage der Überzeugung, dass man in vertrauten Umgebungen und mit vertrauten Personen am besten lernt. Das bedeutet für uns, dass wir auch fachfremd unterrichten und beide Lerngruppenleitungen unsere Lerngruppe so sehr viel mehr sehen. Meine Co-Lerngruppenleitung (Sport/ NaWi) und ich (Deu/ Eng) haben also beispielsweise den Projektfreitag (GeWi/ WAT/ Religionswissenschaften) fachfremd angeleitet. Das geht – und war sogar Annes Wochenhighlight – weil wir in Projekten unterrichten, die von den jeweiligen Fachlehrkräften vorbereitet werden.
  • in fachübergreifenden Projekten, insbesondere am Projekttag. Dazu gehören in der Mittelstufe z.B. die (4-6 wöchigen) Projekte Glück, Kleidung & Konsum, Wasser, Zukunft, Demokratie & Diktatur, Lebenswege … u.v.m. Projektlernen läuft oft so ab: Inputphase – Projektphase – Präsentationsphase. Welche Richtung die Projekte nehmen, ist dabei z.T. offen. Oft versuchen wir mindestens einen außerschulischen Lernort einzubauen. Ein Beispiel: Im Projekt Zukunft haben wir mit Materialien des Museums „Futurium Berlin“ gearbeitet und uns zunächst allgemeiner mit Zukunftsforschung, dann punktueller mit den Themen Städte, Ernährung, Energie, Arbeit, Gesundheit und Mobilität beschäftigt. Wir besuchten eine Museumsführung und anschließend erarbeiteten die Schüler:innen eigene Projekte in Einzel-, Partner- oder Gruppenarbeit, die wir in einem gemeinsamen Event der Schulgemeinschaft präsentieren. Das Projekt Demokratie & Diktatur kulminierte in Annes Lerngruppe in einer zweitägigen Fahrradtour durch Potsdam und interaktiven Präsentationen (vom ActionBound bis zum szenischen Rollenspiel). Während des Projekts Lebenswege entschied sich die Lerngruppe – nachdem wir ihnen den Projektverlauf vorgestellt hatten – dass sie nicht auf alles davon Lust hätten. Also disponierten wir um, recherchierten und fanden gemeinsam ein Projekt zum Thema Geschlecht & Identität von einem Bildungslabor, das wir durchführten. Als Ausflugsziel entschieden sich die Schüler:innen für das Schwule Museum Berlin und organisierten einen Workshop. Darauf folgte wieder die Projekt- und Präsentationsphase.
  • auch mal draußen! Wir haben ein Außengelände an einem Fluss im Potsdamer Umland, wo unsere 7/8er insgesamt 3 Wochen im Schuljahr Projekte umsetzen dürfen. So entstehen so tolle Dinge wie große Gemüsebeete, ein Klettergarten, ein Floß, Holzplattformen zum Entspannen u. v. m. Anne berichtete, dass sie auch schon Englisch „an der Nuthe“ unterrichtet habe, ebenso ist es ein klasse Ort für naturwissenschaftliche Themen. Begleitet werden diese Wochen von den Lernbegleiter:innen in Kombination mit einem/ einer Umweltpädagog:in. Es gibt täglich eine Kochgruppe aus Schüler:innen, die für alle in der Außenküche kochen, einen Holzvorrat, der für das Lagerfeuer von den Schüler:innen zurechthackt wird und einen täglichen rituellen Ablauf.

Annes Schule macht noch mehr tolle Sachen, wie Lese- und Theaterwochen oder Praxislernbüros, aber dazu ist sie gar nicht mehr gekommen. Die Teilnehmenden zeigten besonders Interesse daran, wie so freies Lernen und Arbeiten im sogenannten Logbuch dokumentiert wird und wie Lernberatungen ablaufen. Wir waren uns einig: So will doch jede:r gern lernen und lehren!

Foto: S. Beyer 2020, Anne während einer Hospitationsstunde zum Thema New Amsterdam „an der Nuthe“ (Jugendschule/ naturnaher Lernort des SzaS)
Flipcharts aus der Session

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