Unser erstes Vor-Ort-Treffen in Göttingen haben wir ko-konstruktiv gestaltet. Das war für uns alle ein sehr offener und inspirierender Lernprozess. In diesem Beitrag teilen wir, wie Ko-Kreation für uns funktioniert hat und laden zur Anpassung und Weiternutzung ein. Dieser Beitrag ist zugleich auch Dokumentation des Vorgehens für uns selbst, so dass wir solch ein Vorgehen auch in unsere eigenen Kontexte mitnehmen können.
Warum Ko-Kreation?
Ko-Kreation ist ein Bildungsansatz, bei dem mit maximaler Offenheit gemeinsam von allen Beteiligten entschieden wird, was gemeinsam gemacht und gestaltet wird und wie man dabei vorgehen will.
Bei unserem Treffen sprachen mehrere Gründe für diesen Ansatz:
- Lernen durch Erleben: Gute Lerngestaltung entsteht vor allem dadurch, dass Teilnehmende gutes Lernen selbst erleben. Besonders im Kontext von Wirkungsmächtigkeit ist das bedeutsam: Wie soll eine Person über Wirkungsmacht lernen, wenn sie sich dabei nicht auch selbst als wirkungsmächtig erleben kann?
- Offenheit nutzen: Wenn ein Prozess tatsächlich offen ist – ohne vorgegebene Erwartungen oder konkrete Lernziele – kann Ko-Kreation ihre Stärke voll ausspielen. Intrinsische Motivation aller Beteiligten kann sich entfalten.
- Vielfalt einbeziehen: Bei einer Gruppe mit vielfältigen Perspektiven, in der sich die meisten untereinander noch nicht kennen, kann gemeinsame Wirkungsmacht nur entstehen, wenn alle sich mit ihren Perspektiven einbringen können.
- Motivation und Experimentierfreude: Wenn Menschen freiwillig zusammenkommen mit hoher intrinsischer Motivation und Offenheit fürs Experimentieren, passt Ko-Kreation besonders gut.
- Verantwortung teilen: Ko-Kreation ermöglicht eine Diversifizierung von Verantwortung, sodass sich alle gleichberechtigt einbringen können – auch diejenigen, die den Prozess initial angestoßen haben.
Grundlegung: Den Rahmen schaffen
Auch ein so offener Prozess wie Ko-Kreation benötigt eine Grundlegung, um überhaupt gemeinsam starten zu können. Drei Aspekte sind dabei zentral:
- Transparenz über die Offenheit: Direkt zu Beginn sollte klar sein, dass es kein fertiges Konzept zur Durchführung gibt. Bei uns war lediglich die Grundlegung und der Rahmen für die Planung vorbereitet. Der Rest war zu Beginn noch offen bzw. nur durch die gemeinsame Leitfrage der Einladung nach mehr Wirkungsmacht in der Pädagogik vorgegeben.
- Das Prinzip Ko-Kreation klären: Ko-Kreation unterscheidet sich von anderen Formen der Zusammenarbeit. Eine hilfreiche Einordnung ist die Abgrenzung zu Delegation, Partizipation und Kollaboration.
- Verantwortung für den eigenen Lernprozess ermöglichen: Es braucht Strukturen, die individuelles Reflektieren und Lernen unterstützen. Wir haben z.B. allen schon beim Ankommen ein Journaling-Heft mit möglichen Reflexionsfragen zum Einkleben gegeben. Direkt zu Beginn gab es Zeit, sich dieses Heft anzueignen und zu gestalten.
In vier Schritten in den Prozess starten
Der Einstieg in den eigentlichen Prozess lässt sich in mehrere Schritte gliedern:
1. Gegenwärtig werden
Zunächst gilt es anzukommen und sich den Raum anzueignen. Methoden dazu sollten alle Sinne ansprechen und bewusst machen, wo man gerade ist.
Wir haben z.B. eine Übung aus der Theaterpädagogik gemacht: Alle liefen durch den Raum und nahmen bewusst auf, was sie beobachteten. Auf ein Zeichen hin blieben alle stehen, schlossen die Augen und verschiedene Aspekte wurden abgefragt (Welche Farbe haben die Vorhänge? Was ist in der Mitte des Stuhlkreises? Wie viele Flipcharts stehen im Raum?). Anschließend bewegten wir uns weiter und schauten bewusst die anderen Teilnehmenden an. Mit geschlossenen Augen teilten dann im ‚Popcorn-Stil‘ (spontanes Sprechen, aufeinander achtend) diejenigen, die wollten, was sie wahrgenommen hatten.
2. Teil der Gruppe werden und sich verbinden
Alle sollten einmal im Plenum gesprochen haben – das stärkt die Gruppenbildung. Gleichzeitig braucht es Raum für informelle Vernetzung.
Wir haben z.B. eine kurze Vorstellungsrunde im Plenum gemacht (Name, Kontext, Ort). Direkt im Anschluss gab es eine Wusel-Vernetzung: Alle bewegten sich und konnten ins Gespräch kommen. Die Einladung dabei: Mögliche Vorannahmen aus der Vorstellungsrunde bewusst zurückstellen und sich offen auf die andere Person einlassen.
3. Erwartungen abgleichen und ein gemeinsames Verständnis finden
Nach dem Ankommen braucht es eine Verständigung über das Ziel der Veranstaltung. Hilfreich ist es, mögliche unterschiedliche Perspektiven explizit zu machen.
Wir hatten z.B. vier mögliche Perspektiven auf Flipcharts vorbereitet: Ideenlab/Thinktank, Retreat und Vernetzung, Inspiration und Lernen, sowie einen Joker für bewusste Offenheit bzw. etwas ganz anderes. Diese standen in den vier Ecken des Raumes. Alle ordneten sich zunächst zu, was am meisten zutraf. In einer Blitzlichtrunde begründeten die Zusammenkommenden ihre Auswahl.
Anschließend kamen in einem Gruppenpuzzle aus allen Gruppen Menschen zusammen und suchten nach einer Verständigung zum Satzanfang:
Wenn ich morgen nach Hause fahre, war die Veranstaltung für mich dann erfolgreich / nicht erfolgreich, wenn …
Die Statements wurden im Plenum vorgelesen. Danach notierten alle auf Karten, was sie in den Prozess einbringen wollen/können und auch mögliche eigennützige Motive (‚Hidden Agenda‘). Solche Motive (z.B. ‚Ich suche nach Inspiration für die eigene Durchführung von Fortbildungen‘) sind legitim und wertvoll. Für den Gruppenprozess ist es zielführend, wenn sie transparent gemacht werden. Die Karten wurden erst im Wuseln gegenseitig vorgestellt, dann auf einer Pinnwand gesammelt.
4. Körperliches Feedback
Nach dieser intensiven Grundlegung ist eine Pause willkommen. Ein kurzes körperliches Feedback kann den Abschluss dieser Phase markieren.
Wir haben z.B. alle aufgefordert, sich erst ganz klein zusammenzukauern und dann ganz groß auszustrecken. Dann suchten alle auf einer Skala von 0 (ganz zusammengekauert) bis 10 (ganz ausgestreckt) die Position für vorgelesene Aussagen: ‚Wie spannend findest du unsere Gruppe? Wie wohl fühlst du dich? Wie zuversichtlich bist du, dass uns der weitere Prozess gut gelingt?‘
Planung: Gemeinsam Verantwortung übernehmen
Nach der Grundlegung folgt die gemeinsame Planung. Hier wird Verantwortung tatsächlich geteilt – das erfordert einen klaren Rahmen und Vertrauen in die Gruppe. Hilfreich sind Leitfragen, die wichtige Aspekte der Planung abdecken:
- Welche Themen sind uns wichtig?
- Wie wollen wir methodisch vorgehen? Wer übernimmt wann die Moderation?
- Was passiert drumherum? Wie stellen wir sicher, dass sich alle beteiligen können?
- Was denken wir von Anfang an mit, was nach der Veranstaltung passieren soll?
Wir hatten diese vier Fragen auf Flipcharts in verschiedenen Bereichen des Raumes verteilt und sind dann so vorgegangen:
Briefkasten-Phase: Alle konnten zu allen Fragen auf Notizzetteln schreiben, was ihnen wichtig ist, und diese Zettel zu den jeweiligen Tischen wie in einen Briefkasten ‚einwerfen‘.
Open Space Phasen: Danach gab es vier aufeinander aufbauende Phasen:
- An einem Tisch zusammenfinden und alle Zettel clustern und priorisieren
- Gemeinsam einen ersten Beta-Plan entwickeln
- Diesen Plan durch ein erstes Feedback verbessern
- Den Plan durch ein zweites Feedback verbessern
In dieser Phase wird die Verantwortung tatsächlich geteilt. Alle bringen sich gleichberechtigt ein und es zahlt sich aus, Vertrauen in Gruppenprozesse zu haben. Gruppen entwickeln oft sehr konstruktiv Antworten auf verschiedene Fragen. Ganz selbstverständlich entstehen dabei Querverbindungen – etwa durch Kundschafter*innen und Botschafter*innen zwischen verschiedenen Arbeitsgruppen.
Eine ad hoc gebildete Kleingruppe kann die finale Ausgestaltung übernehmen – mit Menschen, die sich an den verschiedenen Frage-Tischen hauptverantwortlich den Hut aufgesetzt haben. Andere haben währenddessen Zeit für Vernetzung.
Das Ergebnis: Ein gemeinsam getragener Plan
Dank der kollaborativen Vorarbeit entsteht meist schnell ein tragfähiger Plan.
Bei uns war das Ergebnis z.B. ein grobes Raster für den nächsten Tag:
- Kern: Unsere Leitfrage „Wie kommen wir zu (mehr) Wirkungsmacht?“ mit Blick auf System, Mensch und Wirkungsmacht
- Vormittag: Eine erste Sammel-, Inspirations- und Austauschphase in Form eines Mini-Barcamps / Open Space
- Nachmittag: Wirkungsmacht in Bezug auf die entstehende Initiative konkretisieren mit der Frage: Wie können wir gemeinsam wirkungsmächtiger werden?
Zum Mitnehmen: Was Ko-Kreation gelingen lässt
Aus unserem Prozess lassen sich einige Prinzipien ableiten, die bei der Gestaltung eines ko-konstruktiven Prozesses hilfreich sein können:
- Vertrauen als Grundlage: Ko-Kreation funktioniert, wenn man darauf vertraut, dass Menschen mit intrinsischer Motivation konstruktiv zusammenarbeiten – gerade dann, wenn sie Verantwortung übernehmen können.
- Struktur ermöglicht Offenheit: Maximale Offenheit braucht einen klaren Rahmen. Leitfragen, Zeitstrukturen und transparente Prozesse geben Orientierung, innerhalb derer Kreativität sich entfalten kann.
- Alle Perspektiven einbeziehen: Ko-Kreation gelingt besonders in diversen Gruppen, wenn wirklich alle sich einbringen können – mit ihren Ideen, ihrer Kritik und auch ihren eigennützigen Motiven.
- Körperlich und emotional ankommen: Gute ko-kreative Prozesse beziehen den ganzen Menschen ein – nicht nur den Kopf. Methoden zum Ankommen, zur Raumwahrnehmung und zum körperlichen Feedback schaffen Präsenz.
- Schrittweise vorgehen: Methodische Vielfalt und bewusste Abwechslung zwischen schnellen und eher ruhigen Ansätzen sind hilfreich.
Einladung zur Weiternutzung
Dieser Beitrag ist als Dokumentation und zugleich als Einladung gedacht: Nutzt diese Beschreibung als Inspiration für eure eigenen ko-konstruktiven Prozesse. Passt sie an eure Kontexte an. Experimentiert. Und teilt gerne eure Erfahrungen.